Ende Juni ging es für 1 ½ Tage zu einem Blitzbesuch an die Nahe und in die Pfalz. Aus- gangspunkt für diese Tour war, dass ich zur Jahrgangs- präsentation bei Helmut Dönnhoff leider verhindert war. Und so bemühte ich mich um einen individuellen Termin. Mir wurde der letzte Freitag im Juni um 11 Uhr angeboten.
Bekanntlich ist das Weingut Hermann Dönnhoff eine Institution, die weniger Probleme mit dem Verkauf, als mit der Verteilung seiner Weine hat! Besonders in Jahren, wie 2009, wo der Ertrag das Vorjahr um 20 Prozent unterschritt, ist der Rotstift bei den nationalen und internationalen Bestell-Wünschen wohl der komplizierteste Teil seiner Arbeit. Auch wenn es in Deutschland mit Sicherheit etliche Kollegen gibt, die aus betriebswirtschaftlicher Sicht seine „Probleme“ sehr gerne eintauschen würden. Es gibt nur wenige Möglichkeiten Herrn Dönnhoff außerhalb des Weingutes einmal persönlich kennen zu lernen. Den meisten Veranstaltungen bleibt Deutschlands Nr. 1 fern, weil er ja realistisch keinen Wein mehr zu verkaufen hat. Damit die Verteilung seiner Weine auch auf andere Schultern gelegt wird, hat er Deutschland in größere Zonen eingeteilt. Diese werden von Haupthändlern versorgt, die sich einmal im Jahr zum Jahresgespräch treffen. Dort wird dann auf Grundlage der Gesamternte im Gespräch entschieden, wie viel Flaschen von welcher Sorte in dieser Region bleiben. Da jeder Händler versucht, sich einen möglichst großen Teil des Kuchens zu sichern, bleibt auf dem Weingut nur noch wenig da, was an Privatkunden verkauft werden könnte.
Nachdem ich in der Nacht vor dem Termin bis Wiesbaden gefahren bin, ging es morgens weiter Richtung Oberhausen an der Nahe. Pünktlich um 10 Minuten vor 11 fuhren wir auf den Hof vom Meisterwinzer. So ein erster Besuch bei einem so prominenten Winzer ist auch für einen gestandenen Profi aufregend. Innerhalb weniger Minuten wird sich jetzt entscheiden, wie viel Zeit der Meister erübrigen will und welche Weine während des Weingespräches verkostet werden. Nachdem ich diesen Part wohl mit positivem Ergebnis absolviert hatte, konnte ich mich darauf konzentrieren, vielleicht ein paar Details zu seinen Weinen und ein paar Statements zu bekommen. Als erstes war herauszuhören, dass er mit der teilweise wohl etwas zu dogmatisch manifestierten aktuellen Einstellung zur Reinzucht Vergärung so seine Probleme hat. Er ist der Meinung, dass der Einfluss von Reinzuchthefen sehr stark überschätzt wird. Schon der Name öffnet hier Tür und Tor für Missverständnisse und Fehlinterpretationen. Hier handelt es sich nicht etwa um ein Kunstprodukt, sondern um besonders saubere Hefestämme, die zu gewerblichen Zwecken im Labor reprodoziert wurden. Ein Vorgang der in der Natur genauso hätte stattfinden können. Ihm kommt es so vor, als sei die Fokussierung auf die Spontanvergärung eine zwanghafte Modeerscheinung, ohne die man keine Reputation am Markt genießt. Fakt ist erstmal, dass ein biodynamischer Winzer gegenüber einem Kollegen, der im Stil der 80er und 90er Jahre vinifiziert, imagemäßig einen riesengroßen Imagevorsprung hat. Da ist von Weinqualität noch gar nicht die Rede gewesen. Nach Meinung von Herrn Dönnhoff hängt die Weinqualität nicht elementar von der Hefe ab. Für schwierige Chargen würde auch er Reinzuchthefen, um jegliches Risiko bei der Gärung auszuschließen. Für Ihn sind akkurate Weinbergsarbeit mit Ertragsreduzierung wesentlich wichtigere Elemente, um einen hochkarätigen Wein herzustellen. Einen kleinen Zusatzluxus leistet man sich aber schon im Keller von Herrn Dönnhoff. Für jede Charge Wein, die den Hof erreicht, steht im Keller die die doppelte Menge an Ausbauvolumen zur Verfügung, Hier wird also aufgrund der Verfassung des Mostes entschieden, ob der Wein ganz oder teilweise im Holz oder Edelstahl ausgebaut werden soll. Als Fazit könnte man sagen, dass ein nach außen etwas unnahbar erscheinender Star-Winzer (dieses Wort mag Herr Dönnhoff überhaupt nicht) durchaus mit sehr viel Erdnähe beseelt ist. Trotz des Jet-Set-Status dieser Wein-Koryphäe erreicht ein einigermaßen qualifizierter Sommelier wie ich am Ende eines sehr sympathischen Gespräches in etwa die Augenhöhe. Und vielleicht sind für Ihn ja die schönsten Momente, wenn er ganz allein auf der Niederhäuser Hermannshöhle dem Werden seiner nächsten „Weinkinder“ zuschauen kann. Für mich waren es mit Sicherheit weinbezüglich die spannendsten 75 Minuten (25 mehr als erwartet!) der letzten Jahre. Vielen Dank Herr Dönnhoff!
Aus Oberhausen an der Nahe ging es jetzt nach Birkweiler in der Südpfalz. Aufgrund der nicht einkalkulierten Verlängerung musste ich jetzt versuchen, der ausgerechneten Zeit vom Navi ein Schnippchen zu schlagen. Denn, wie anfangs erwähnt, ist der Zeitplan eng gestaffelt. Mit einer viertel Stunde Verspätung kam ich beim Weingut Dr. Wehrheim an, wo sich aktuell 3 Generationen mit der Produktion und dem Absatz der Weine beschäftigen. Hier ist die Situation eine ganz andere, da ich Karl-Heinz Wehrheim seit über 12 Jahren kenne. Damals habe ich die 5 Freunde in Hamburg der Gastronomie und dem Handel vorgestellt. Die Ansprache und der Umgang sind also etwas legerer. Bei der Verkostung hier hatte ich die Worte von Herrn Dönnhoff noch im Ohr, dass bei Weinen mit einem sogenannten Sponti-Ton der Winzer bei der Spontanvergärung irgendetwas falsch gemacht hat! Die Weine, die vor mir standen waren alle spontanvergoren. Aber scheinbar hat Karl-Heinz Wehrheim alles richtig gemacht! Bei allen Weinen waren nur die rebsortentypischen Aromen zu schmecken, die Weine waren alle stoffig und grundsätzlich mit sehr humanen Alkoholwerten versehen. Das hat man auch schon mal anders erlebt. Mit dem Buntstück und dem Rotstück wurden zwei kleine Terroir-Weine neu in der Kollektion präsentiert. Optimal zur Kundensensibilisierung geeignet! Besonders bei seinen S-Qualitäten wird deutlich, was für ein hochreifer Jahrgang hier im Glas steht. Denn die sicher nicht ganz geringe Säure hat es bei diesen hohen Extrakten trotzdem nicht leicht. Ich bin wirklich gespannt, wie dieses Verhältnis potentiell betrachtet eingeschätzt wird. Insgesamt ist das auf jeden Fall ein Jahrgang, der schon richtig Spaß macht. Natürlich sind auch die 2008er Großen Gewächse sehr gut trinkbar. Besonders in diesem ja eigentlich aus der trockenen Auslese entstandenen Bereich kann man sich gerne einmal trauen, bis zu 5 Jahre alte Gewächse zu kaufen. Meistens ist das ein sehr monumentales Erlebnis. Besonders zu empfehlen sind wieder mal die einfachen Qualitäten vom Spätburgunder und St. Laurent.
Mittlerweile war es 15:30 Uhr und der nächst Ortswechsel stand an. Diesmal ging es aber nur ein Dorf weiter. Hier ging es zum Weingut Ökonomierat Rebholz! Hier hat man sich in den letzten 10 Jahren sehr stetig aus dem deutschen Mittelfeld unter die 5 besten Weingüter Deutschlands gearbeitet. Während die Fassproben zur ProWein die erwarteten Qualitäten nur sehr vage zeigten, hatte man jetzt die fast schon zur Routine gewordene Perfektion im Glas. Das zeigte mal wieder, wie extrem hier auf Langlebigkeit vinifiziert wird. Eingeweihten Lesern wird schon aufgefallen sein, dass auch dieses Weingut zu den 5 Freunden gehört, und damit eine ruhige entspannte Atmosphäre herrschte, wo man sich nur auf die Weine konzentrieren durfte. Bei so einer Vorort Verkostung wird wieder mal deutlich, was für eine enorme Rebsorten-Bandbreite hier auf höchstem Niveau angeboten wird. Der Riesling ist mal wieder der primus inter pares. Hier setzen auch die Qualitäten die Latte sehr hoch. Ich würde sie mittlerweile etwas über den 2008er Qualitäten einstufen. Man bekommt also mindestens ¾ der Qualität der Großen Gewächse zum halben Preis. Bei den weißen Burgundersorten ist zwar der Grauburgunder nahezu durchgegoren mit maximal 1,1 g Restzucker aber natürlich auf Kosten eines sehr hohen Alkoholwertes. Für die Weißherbst-Freunde muß ich leider anmerken, dass der Preis für den Blanc de Noir um fast 40 % raufgesetzt wurde. Dafür ist der Spätburgunder in der Version Tradition Spätlese trocken bei mindestens gleicher Qualität preislich stabil geblieben. Im Durchschnitt wird sich die Bewertung der Weine nicht sonderlich von den 2008ern unterscheiden. Da ich hier jetzt als Highlights 8 bis 10 Weine nennen müßte, erspare ich mir die Auflistung. So, das war’s fast für diesen Tag. Noch schnell ein paar Flaschen Wein beim Weingut Siegrist abholen und sich dann auf den nächsten Tag vorbereiten.
Denn am nächsten Morgen steht um 10 Uhr ein Termin bei dem Weingut Markus Schneider in Ellerstadt auf dem Programm. Und auch wenn dieses in der dörflichen Gemeinde etwas futuristisch wirkende Kellereiensemble inmitten der Reben schon vielfach besprochen und abgefilmt wurde, ist es doch live noch einmal so imposant. Nachdem mich der Wahnsinns-Hype und die unterschiedlichen Aussagen zur Qualität der Weine neugierig gemacht haben, durfte ich auf der ProWein in Düsseldorf in diesem Jahr ganz frisch die komplette Kollektion probieren. Und ich war so positiv überrascht, dass ich mir für meine nächste Tour in die Anbaugebiete auf jeden Fall einen Besuch vor Ort vorgenommen habe. Und das war nun der Fall! Mein Navigationssystem wusste zwar mit der Adresse noch nicht so viel anzufangen, aber die Ausschilderung war letztlich so gut, dass ich doch noch pünktlich vorfahren konnte. Obwohl das Wohnhaus und die Kellerei zur gleichen Zeit gebaut wurden, scheinen sie doch aus sehr unterschiedlichen Sphären zu stammen. Aber vielleicht haben sich bei den privaten Räumlichkeiten auch einfach nur die Eltern durchgesetzt, mit deren Startkapital der Junior ja durchstarten durfte. Mit diesem Geld pachtete sich Markus Schneider preisgünstigere Tallagen, und baute auf dieser sehr warmen sandigen Bodenstruktur internationale Rotweinrebsorten an. Und das natürlich auch aus strategischen Gründen. Der Markt fieberte zu dem Zeitpunkt preisgünstigen deutschen Rotweinen entgegen, die eine möglichst überseemäßige Aromenstruktur aufweisen sollten. So war es von Anfang an das erklärte Ziel von Markus Schneider, Cuvées mit Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah zu einem günstigen Preis herzustellen. Ein paar sehr alte Portugieserreben gab es bei den ersten gepachteten Flächen dazu. Jetzt musste er es nur noch schaffen, Weinkritiker und Publikum gleichermaßen von seinen Weinen zu überzeugen. Mit seiner Kommunikationsfähigkeit und seinem Talent, sich mit zeitgemäßem Marketing gut auszukennen, hat er ein Expansionstempo an den Tag gelegt, welches in dieser Form bisher in der Deutschen Weinwirtschaft noch nicht vorkam. Nach 10 Jahren bearbeitet er insgesamt 50 ha Rebfelder, von dessen Ertrag er 380.000 Flaschen im Jahr abfüllt. Große Lagerräume für nichtverkaufte Weine sucht man bei Markus Schneider vergebens. Da ist er Herrn Dönnhoff doch sehr nahe, weil auch er viele seiner Weine verteilen darf, Das liegt natürlich auch daran, weil sein Weinportfolio sehr breitbandige Käuferschichten anspricht. Da gibt es Weine, die von Kritikern „höflich“ übersehen werden, aber vom trendigen Massenpublikum verehrt werden. Und es gibt Weine, bei denen die Degustatoren ungewöhnlich hohe Punktzahlen geben. Und so kommt es, dass jede Kundengruppe im Prinzip mit ihrer Weinecke bei Herrn Schneider sehr zufrieden ist. Was alle vereint, ist die Tatsache, dass die meisten Weine von Markus Schneider für so viel Intensität relativ preiswert sind. Bis jetzt das absolute Erfolgsmodell, was wir durchaus öfter in Deutschland vertragen könnten.
Zur Mittagszeit ging es dann weiter nach Bad Dürkheim. Im Stadtteil Pfeffingenwurde ich beim gleichnamigen Weingut schon vom Juniorchef Jan Eymael erwartet. Und zack war man vom Interieur wieder um 100 Jahre zurückversetzt! Auf meiner kleinen Tour wurde ich diesen Extremen öfter ausgesetzt. Obwohl ich manchmal das Gefühl habe, dass sich viele Weine mit einem offensiveren Marketing sicher noch besser vermarkten ließen. Aber in gewachsenen Strukturen ist es eben durch das erarbeitete Mitspracherecht der Senioren nicht immer so einfach, für die junge Generation etwas Neues durchzusetzen, wenn auch noch Risiko mit im Spiel ist. Trotzdem konnte sich das Weingut Pfeffingen unter der Federführung von Jan Eymael in den Pfälzer Top-Ten mit einer Tendenz nach oben etablieren. Außerdem scheinen den Weinen der Familie Eymael die Bedingungen bei den jährlich sehr groß aufgezogenen Verkostungen des Managermagazins entgegen zu kommen. Im letzten Jahr holte das Weingut in der Kategorie trockene Rieslinge mit dem Terra Rossa Riesling Spätlese trocken den 2. Platz. In der gleichen Kategorie konnte der gleiche Platz diesmal mit dem Ungsteiner Herrenberg Riesling Spätlese trocken verteidigt werden. Die meisten Kritiker scheinen bei diesem Weingut die Rotweine zu übersehen. Obwohl dies meiner Meinung nach ein großer Fehler ist. Selten bekommt man in der Pfalz Weine mit diesem Aufwand und der Qualität so preisgünstig. Sie werden überrascht sein, wie viel Spätburgunder Sie hier für Ihren Euro bekommen. Außerdem werden die Großen Gewächse vom Riesling mit so wenig Restsüße ausgebaut, dass sie schon mal als Luxus-Diabetiker-Wein durchgehen könnten. Und das war sie denn auch schon wieder, mein straff geplanter Besuchsparcours zu einigen Topwinzern von Nahe und Pfalz. Nach einem privaten Nachmittagsbesuch ging es dann auch schon wieder zurück in den Nord-Osten.